Zwei Pfund Sonne, bitte!

Es ist Samstagmorgen und heute bin ich an der Reihe, die Semmeln bei der Bäckerei im Nachbarort zu holen. Als ich den Laden betrete, bemerke ich überrascht, dass ausnahmsweise der Chef persönlich hinter der Verkaufstheke steht. Wahrscheinlich ist eine Verkäuferin ausgefallen oder vielleicht ist er auch gerade erst mit seiner Arbeit fertig geworden und sucht sich jetzt aus dem Regal mit den frischen Backwaren seine Frühstücksbrötchen heraus.

„Guten Morgen“, sage ich beschwingt. „Auch einen schönen guten Morgen“, antwortet er. Ich stelle meinen Korb auf den Tresen und frage „Und wie geht es so?“

„Ach“, meint er darauf ganz ruhig und gleichmütig, „passt schon“.

Ich versuche aus seinen Worten herauszuhören, was er genau damit meint. Diese Oberpfälzer, denke ich, während ich innerlich den Kopf schüttle. Passt schon. Das kann ja wirklich alles bedeuten. ‚Passt schon‘ kann heißen, dass er letzte Woche bei der Lottoziehung den Jackpot geknackt hat und vor mir somit ein mehrfacher Millionär steht, der die Bäckerei jetzt als Hobby betreibt. ‚Passt schon‘ kann auch heißen, dass es vor einer Stunde in seiner Backstube einen Wasserrohrbruch gegeben hat und er hier im Verkaufsraum nur steht, weil er vor dem Wasser geflüchtet ist. ‚Passt schon‘ kann aber ebenso heißen, dass er heute Nacht beim Zusammenrühren des Teiges sowohl beim Brot als auch bei den Semmeln das Salz vergessen hat. Oder dass er sich beim Hin- und Hertragen der schweren Bleche das Kreuz verrissen hat. Natürlich kann es auch heißen, dass überhaupt nichts passiert ist und alles ganz einfach im grünen Bereich liegt. Aber letzteres ist dann doch eher unwahrscheinlich.

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und luge in die Backstube hinaus. Es sind keine Wasserpfützen zu sehen. Ich beiße in die Breze und gleich hinterher in die Knusperstange, die er bereits zusammen mit der üblichen Wochenbestellung in meinen Korb gefüllt hat. Schmeckt bestens, halt wie immer. Da fehlt wirklich überhaupt nichts. Ich greife nach meinem Korb und stoße dabei rein zufällig gegen den Stapel mit den Bildzeitungen, wobei eine von ihnen zu Boden fällt. Direkt vor die Füße des Bäckers. Der bückt sich ganz locker, hebt sie auf und schiebt sie zurück auf den Stapel, wo sie hingehört. Sein Rücken scheint wohl auch in Ordnung zu sein. Sollte es also doch vielleicht der Lottogewinn sein? Hm.

„Und dir“, fragt er jetzt zurück und reißt mich aus meinen Gedanken. „Wie geht es dir?“

„Naja“, antworte ich mindestens ebenso gleichmütig, während ich umständlich mein Geld aus der Hosentasche krame. „Passt auch“.

Der Bäcker nickt und fragt dann: „Darf es sonst noch etwas sein?“

„Ja“, antworte ich. „Ein Pfund Sonne hätte ich gerne“.

Der Bäcker greift hinter sich ins Regal, holt einen kleinen Laib von dem besten Sonnenblumenbrot weit und breit heraus und ist gerade dabei, es in Papier einzuschlagen, als sich die Ladentür öffnet und eine Frau hereinkommt. „Puh, so ein Sauwetter“ entfährt es ihr, während sie ihren Regenschirm zusammenklappt und ausschüttelt, dass die Wassertropfen nur so durch die Gegend wirbeln.

Ich sehe, wie sich auf dem Fliesenboden sogleich viele kleine Pfützen bilden, drehe mich um und werfe einen Blick durch das Schaufenster hinauf in den grauen Himmel. „Ach je“, sage ich. „Da fällt mir gerade ein, dass wir heute Nachmittag im Garten eigentlich grillen wollten.“ Sehr skeptisch mustert jetzt auch der Bäcker meines Vertrauens die grauen düsteren Wolken am Himmel. Sofort erkenne ich an seinem kritischen Blick, dass unter diesen Umständen ein Pfund Sonne nie und nimmer ausreichen wird und füge daher geistesgegenwärtig hinzu: „Weißt du was, am besten gibst du mir gleich zwei Pfund Sonne, vielleicht reißt es ja dann bis zum Nachmittag doch noch auf!“