Ein Funken Wahrheit

Was, Sie möchten auch noch wissen, wie es zu dieser mondänen Handtasche auf dem Cover des Buches gekommen ist? Sie fragen sich, ob das wohl meine Handtasche ist? Diese Frage muss ich mit einem klaren „nein“ beantworten. Als mir mein Verleger den Vorschlag für das Cover zumailte, war ich entsetzt. Weil diese Tasche ganz und gar nicht mein Ich wiederspiegelte. Weil ich mir nie eine so elegante Tasche kaufen würde. Weil das einfach nicht zu mir passte. Als ich meinem Verleger meine Bedenken mitteilte, fragte er mich, ob ich stattdessen lieber meine jetzige Handtasche fotografieren und sie aufs Cover setzen möchte. Daraufhin akzeptierte ich ganz schnell seinen ursprünglichen Vorschlag, wollte ich die Welt doch nicht mit meinem ausgebeulten, alten, roten Rucksack und seinem Inhalt irritieren.

Doch als ich dann abends im Bett liege, überfallen mich erneut große Zweifel, welche ich auch sogleich am nächsten Morgen in einer Mail an meinen Verleger zum Ausdruck bringe: Diese Tasche bin nicht ich. Wenn ich mir so eine Tasche zulegen würde, müsste ich im Anschluss mein ganzes Leben umkrempeln. Mit so einer Tasche führt man kein beschauliches, spießig-schönes Leben in einem kleinen Dorf. Eine solche Tasche zwingt einen praktisch dazu, in Schwabing in einem trendigen Loft zu wohnen, sich von Mann und Kindern zu trennen, zu koksen und den ganzen Tag mit in mörderisch unbequemen Stilettos durch die Gegen zu stöckeln. Aber ganz ehrlich gesagt will ich mich nicht von meinem Mann trennen. Schnief. Das alles schreibe ich in die Mail. Und kaum habe ich sie abgeschickt, klingelt auch schon das Telefon. Ich hebe den Hörer ab. Ohne sich mit einleitenden Floskeln aufzuhalten und seinen Namen zu nennen, quillt es aus ihm heraus: „Diese Tasche“, sagt mein Verleger betont ruhig und langsam, wobei er nicht verhindern kann, dass seine Stimme so klingt, als würde er jetzt gerne mit seinen beiden Händen durch die Leitung fassen und mich naja, vielleicht nicht gerade erwürgen, aber ja, zumindest doch sehr, sehr kräftig durchschütteln. „Diese Tasche ist auch satirisch gemeint, sie passt somit sehr sehr gut zu den satirischen Geschichten im Buch. Die Geschichten und das Cover passen praktisch zusammen wie die Faust aufs Auge!“.

Natürlich bemerke ich sofort, dass der Arme am Ende mit seinen Nerven ist. Ich habe jetzt auch wirklich Mitleid mit ihm und murmle daher halblaut in den Hörer, dass er ja recht hat und ich mit dem Cover einverstanden bin. Er spürt sofort, dass er mich endlich da hat, wo er mich haben will. „Ist das jetzt wirklich ein endgültiges ‚Ja‘?“ will er wissen. Ich denke an den Weltfrieden und an die Dinge, die mir in meinem Leben wirklich wichtig sind und antworte mit einem deutlichen und lautem „Ja, ja, ja“. Herrje, dieser Mensch kann echt aufdringlich sein. Kaum ist mein letztes „Ja“ verklungen, muss ich an die Faust und das Auge denken und setze diesbezüglich zu einer Frage an, doch er schneidet mir ganz brutal das Wort ab, ruft hektisch in den Hörer: „Dann erteile ich jetzt der Druckerei die Freigabe“ und hat auch schon aufgelegt. Rauschen in der Leitung. Klang irgendwie ein bisschen so, als ob er Angst gehabt hätte, ich würde es mir noch einmal anders über- legen. Verdutzt lege ich jetzt auch auf. Ist ja gut, er hat bestimmt Recht. Ich sollte mir nicht so viele Gedanken machen wegen einer Handtasche. Aber ganz ehrlich gesagt hätte ich ihm schon noch gerne eine abschließende Frage gestellt: Passt denn nun eigentlich die Faust aufs Auge oder eher doch nicht?